5. August 2017

 

Deutschlandfunk

Schmerz, Stigma, Schweigen

Jeder dritte Amerikaner nimmt opioidhaltige Schmerzmittel, viele rutschen in die Abhängigkeit. Die Drogen-Epidemie ist längst zu einer politischen Priorität geworden. Besuch in einer Drogenklinik im Bundesstaat Georgia.

Von Katja Ridderbusch

Jeden Morgen tritt Patient 279 an das Fenster für die Medikamentenausgabe. Er spricht mit der Krankenschwester über die brütende Hitze, das Baseballspiel vom Vorabend, oder das neue Café am Ende der Straße. Worüber man eben so spricht in einer Kleinstadt wie Chatsworth im nördlichen Zipfel von Georgia. Dann reicht die Schwester ihm ein Fläschchen mit einer giftgelben Flüssigkeit.

"Oh, that's sweet this morning, like Kool-Aid", sagt er. Patient Nummer 279, ein junger Mann mit Baseballkappe, rotblondem Bart und Bermudashorts, ist opioidabhängig und macht seit Oktober vergangenem Jahres eine Methadon-Ersatztherapie. Opioide sind morphinhaltige Substanzen. Heroin zählt dazu, außerdem Schmerzmittel wie Oxycodon und Hydrocodon sowie das Betäubungsmittel Fentanyl. Die Sucht hätte beinahe sein Leben zerstört, sagt der Patient. Er habe fast alles verloren, mehrere Jobs, sein Auto, sein Haus, seine Freundin.

Opioid-Epidemie bedroht die öffentliche Sicherheit

Patient 279 ist eines von vielen Gesichtern einer Epidemie, die seit der Jahrtausendwende in den USA wütet. Mehr als 33.000 Amerikaner starben 2015 an einer Überdosis der Rausch- und Schmerzmittel, heißt es in einem Bericht der Gesundheitsbehörde CDC, mehr als je zuvor. Und die Zahlen steigen weiter. Drogen-Überdosis ist mittlerweile die häufigste Todesursache bei Amerikanern unter 50 Jahren. Für Gesundheitsminister Tom Price hat der Kampf gegen die Opioid-Epidemie höchste Priorität.

"America is not giving up on this fight. Surrender simply isn't an option"- Amerika werde diesen Kampf nicht aufgeben, das sei keine Optin, sagte Price vor kurzem bei einer Drogenkonferenz in Atlanta. Die anschwellende Schmerzmittelsucht ist denn auch eines der wenigen Themen, über dessen Dringlichkeit sich Demokraten und Republikaner einig sind. Schließlich ist die Opioid-Epidemie mit all ihren Folgen - eine Zunahme von Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis C oder der Anstieg von Beschaffungskriminalität - auch ein Problem der öffentlichen Sicherheit.

90 Prozent der suchtkranken Amerikaner ohne Behandlung

Das US-Gesundheitsministerium hat kurzfristig 500 Millionen Dollar bereitgestellt. 2018 sollen die Mittel für Forschung, Therapie und Aufklärung weiter aufgestockt werden. Doch all das kann die Löcher in der Versorgung nur unzureichend stopfen. 90 Prozent der suchtkranken Amerikaner bekämen bislang keine Behandlung, sagt Price. Weil es zu wenig Therapieplätze gibt. Weil sie nicht krankenversichert sind oder schon zu tief im Sog der Sucht stecken.

Anders als frühere Heroin-Wellen grassiert die aktuelle Opioid-Epidemie nicht nur in den Innenstädten, sondern vor allem auf dem Land. Viele ländliche Regionen sind wirtschaftlich ausgeblutet, haben sich nie von der Rezession vor zehn Jahren erholt. Chatsworth, zum Beispiel. Dort leitet Debra Murphy die ambulante Methadonklinik. Im Wartezimmer sitzen Junge und Alte, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Leute in Arbeitsoveralls und in Anzügen.

"Addiction doesn't discriminate. It can affect anybody." Abhängigkeit könne jeden treffen, sagt Murphy. Sie arbeitet seit 30 Jahren in der Suchttherapie und kennt den Teufelskreis aus Stigma, Scham und Schweigen, vor allem auf dem Land. Er beginnt häufig mit Langeweile. "Dies sind arme Gemeinden. Da ist nicht viel los. Die Leute haben keine Jobs und nicht viel Geld. Also trinken sie, oder sie nehmen Drogen."

Manchmal sind auch ganze Familien betroffen. "Sie nehmen gemeinsam Drogen, alle. Das ist ihr Geheimnis, deshalb schweigen sie". 

Hinzu kommt: In einer Kleinstadt wissen die Leute viel voneinander, manchmal zu viel. Das hat auch Patient 279 erfahren. "Hier in Chatsworth kennt jeder jeden. Deshalb scheuen sich die Leute, Hilfe zu suchen. Weil sie Angst haben, dass ihre Sucht dann öffentlich wird."

Die Drogengeschichte von Patient 279 begann mit einem verletzten Halswirbel. Sein Hausarzt verschrieb ihm opioidhaltige Schmerzmittel, immer stärkere, und als der Arzt sich schließlich weigerte, das Rezept zu erneuern, ging der Patient einfach in eine andere Praxis. "Doctor Shopping", heißt das in den USA. Am Ende besorgte er sich die Tabletten auf dem Schwarzmarkt.

"Mein Leben war ein einziges Chaos. Ich war nur noch damit beschäftig, Pillen aufzutreiben, habe mir von Leuten Geld geliehen und nicht zurückgezahlt."

Zu viele Schmerzmittel mit Suchtpotenzial auf Rezept

So wie Patient 279 rutschen viele Amerikaner in die Sucht. Jeder Dritte nimmt opioidhaltige Medikamente, stellte gerade eine Studie fest. Tatsächlich haben viele Mediziner in den USA jahrelang allzu leichtfertig Schmerzmittel mit hohem Suchtpotential verschrieben. Auch hier will Gesundheitsminister Price, der früher selbst Arzt war, ansetzen. Die Medizin müsse neue Wege in der Schmerztherapie einschlagen, sagt er, um die Opioid-Epidemie an ihren Wurzeln zu behandeln.

Die Geschichte von Patient 279 ist eine mit - vorläufig - gutem Ausgang. Mittlerweile hat er wieder einen Job, arbeitet bei einer lokalen Radiostation. Er zahlt langsam seine Schulden ab und versucht, sein soziales Netz neu zu knüpfen.

Sein Leben sei wieder fast wieder so wie früher, sagt er, bis auf die täglichen Besuche in der Methadonklinik. Wie lange seine Therapie noch dauert, weiß er nicht. Wahrscheinlich noch eine ganze Weile.

© Deutschlandfunk / Katja Ridderbusch