29. Mai 2017

 

Deutschlandfunk

Progressiv und Konservativ

Afroamerikaner gelten traditionell als religiöser als ihre weißen Landsleute in den USA. Und schon immer ging es in den schwarzen Kirchengemeinden um Fragen von Gerechtigkeit und Freiheit. Das ist bis heute so: Viele Prediger scheuen sich nicht, die Tagespolitik zornig von der Kanzel zu kommentieren.

Von Katja Ridderbusch

"Elija is worshipping the God of Moses, rather than the God of Mar-a-Lago …" Der biblische Prophet Elija betete zum Gott von Mose - und nicht zum Gott von Mar-a-Lago, dem protzigen Anwesen von US-Präsident Donald Trump in Florida. So wetterte Raphael Warnock, Pastor an der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, in seiner Sonntagspredigt. Ebenezer Baptist ist die berühmteste schwarze Kirchengemeine in den USA; sie war einst Zentrum der Bürgerrechtsbewegung und spirituelle Heimat ihres Anführers Martin Luther King.

Nicht missionieren, sondern Freiheit verteidigen

Kirchen spielen in den USA seit jeher eine gesellschaftliche Schlüsselrolle: Sie sind Heimat und Schutzraum, Begegnungsstätte und Wohlfahrtsorganisation. Besonders afroamerikanische Kirchen verstehen sich als wichtige Plattformen im Kampf für soziale Gerechtigkeit. Vor allem schwarze Kirchen wollen, dass ihre Stimme in der Öffentlichkeit Gehör findet, sagt Michael Leo Owens, Politikwissenschaftler an der Emory-Universität in Atlanta.  Deshalb scheuen sich ihre Prediger auch nicht, die Tagespolitik zu kommentieren. "Dabei geht es ihnen nicht so sehr darum zu missionieren, die christliche Lehre und Doktrin zu verbreiten", erklärt Owens weiter. "Sondern vor allem um die Freiheit der Einzelnen, die Unterstützung der Unterprivilegierten, die Verteidigung der Unterdrückten."

Seit dem Antritt von Donald Trump als US-Präsident sind die schwarzen Kirchen besonders aktiv, stimmen ein in das anschwellende Trommelfeuer der amerikanischen Zivilgesellschaft."Immer mehr schwarze Kirchenführer und Gläubige artikulieren ihre Opposition - auf der Kanzel oder in den Kirchenbänken, aber auch bei Protestmärschen oder Aktionen zur Wählerregistrierung. Wir sehen all das, was schwarze Kirchen schon immer getan haben und was sie jetzt wieder verstärkt tun."

Black Churches sind perfekte Vehikel für diese Mobilisierung. Denn: Afroamerikaner sind traditionell religiöser als ihre weißen Landsleute. Und schon immer ging es in den schwarzen Kirchen um Fragen von Gerechtigkeit und Freiheit, sagt Politikwissenschaftler Owens.

Revolutionäres Potential der Prediger

Bereits auf den Plantagen des 17. und 18. Jahrhunderts versammelten sich Sklaven zu Gebet und Gesang, bisweilen überwacht von weißen Aufsehern. Die Sklavenhalter ahnten wohl, welch revolutionäres Potential sich in dem Eifer und dem Pathos der schwarzen Prediger verbarg.

Ende des 18. Jahrhunderts entstanden in den Bundestaaten Georgia, Virginia, Kentucky und Pennsylvania die ersten eigenständigen afroamerikanischen Kirchengemeinden. In ihren Gottesdiensten mischten die Gläubigen klassische Elemente der Evangelien mit ihren eigenen leidvollen Geschichten und ihrer eigenen Musik, dem Gospel.

Nach der Abschaffung der Sklaverei und dem Ende des Bürgerkrieges 1865 verbreiteten sich die afroamerikanischen Kirchengemeinden rasant, vor allem in den Südstaaten. Baptisten, Methodisten und Episkopale prägten die schwarze Religionslandschaft. Vor allem der "Exodus", die Erzählung von der Rettung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei - wurde zum zentralen Narrativ der frühen afroamerikanischen Christen.

Angreifen statt singen

Die Sklaverei war zwar abgeschafft, aber Rassentrennung und Rassismus prägten weiterhin den Alltag in den Südstaaten. In den 1950er und 60er Jahren eskalierten die Spannungen. Schwarze Kirchen wurden zum Motor der Bürgerrechtsbewegung. Deren Höhepunkt war der Marsch auf Washington im August 1963 mit der berühmten Rede Martin Luther Kings: "I have a dream …"

Doch es gab auch Gegenwind für die schwarzen Kirchen und ihre Protagonisten. So forderte der Bürgerrechtsaktivist Malcom X einen radikaleren und aggressiveren Kurs. "You do too much singing. Today is the time to stop singing and start swinging ..." Die schwarzen Geistlichen sollten aufhören zu singen und stattdessen angreifen, spottete Malcolm X.

Auch nach dem Verebben der Bürgerrechtsbewegung blieben die schwarzen Kirchen politisch aktiv: mit Sozialprogrammen in den Ghettos, Lobbyarbeit für die Gesundheitspolitik oder der Mobilisierung von Wählern.

Volle Kirchenbänke

Zugleich müssen sich die Black Churches bis heute scharfer Kritik aus den eigenen Reihen stellen: "Schwarze Kirchen sind oft radikal progressiv, wenn es um das Thema Rasse geht - und erzkonservativ in fast allen anderen Fragen", sagt Raphael Warnock, Pastor der Ebenezer-Kirche. Tatsächlich lehnen viele schwarze Kirchen etwa die Schwulenehe ab - und auch der Frauenanteil unter schwarzen Kirchenführern ist noch immer gering.

Außerdem: Als sich in den vergangenen Jahren die Fälle von weißer Polizeigewalt gegen schwarze Amerikaner häuften, als die Protestbewegung "Black Lives Matter" wütende, teilweise gewaltsame Massendemonstrationen organisierte, hielten sich viele der schwarzen Kirchen zurück. Politikwissenschaftler Owens: "Vor allem junge Schwarze haben das Gefühl, dass die gesellschaftliche Entwicklung gegen sie läuft. Deshalb werden es schwarze Kirchen schwer haben, als politische Institutionen relevant zu bleiben."

In der Ebenezer Baptist Church in Atlanta - der Ikone der schwarzen Kirchen in den USA - ist diese Gefahr derzeit nicht akut. Hier sind die Kirchenbänke jeden Sonntag gut gefüllt; der Pastor geißelt zuverlässig und mit routiniertem Eifer die jüngsten Fehltritte der Politik - und ruft die Gemeinde zu zivilem Ungehorsam auf.

© Deutschlandfunk/Katja Ridderbusch