23. Februar 2022

In der Corona-Krise ist die unbegründete Furcht vor schweren Leiden häufiger geworden. Die Pandemie führt also auch zum Anstieg der Hypochondrie. Was verursacht diese psychische Störung – und wie kann sie therapiert werden? 

Von Katja Ridderbusch 

Wenn sie sich an ihre dunkelsten Momente der vergangenen zwei Jahre erinnert, an ihre „ganz persönliche Hölle“, dann versucht sie, die Angst wegzulachen. Die Angst, die sie umklammerte, als Corona begann, die Angst, die sie bis heute manchmal empfindet. Sie desinfizierte Lebensmittel und Lebensmittelverpackungen, ihr Mann musste sich nach der Arbeit zuerst in der Garage ausziehen, bevor er das Haus betreten durfte; schließlich wurde er ganz in den Keller verbannt.

Sie hatte Angst, dass er verseucht war, dass er sie und ihren kleinen Sohn anstecken würde. „Ich hatte völlig die Kontrolle verloren“, sagt sie. „In meiner Vorstellung wurde Covid zu diesem bösen grünen Comic-Charakter, der darauf wartete, durch die Tür zu schlüpfen und mein Leben zu zerstören.“

Elana Alvarez ist Anfang 40, lebt in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia und leidet unter Krankheitsangst, deshalb will sie ihren echten Namen nicht in den Medien lesen. Früher hätte man sie wohl als Hypochonderin bezeichnet oder als eingebildete Kranke. Doch der Begriff ist längst in Verruf geraten – auch wenn die offizielle klinische Diagnose für die Angststörung bis heute „Hypochondrie“ lautet.

Covid – so scheint es – hat die Entstehung und Vertiefung von Krankheitsangst befördert. Psychologen und Psychotherapeuten in Europa wie den USA berichten, dass seit Beginn der Pandemie mehr Menschen mit unbegründeten Sorgen um ihre Gesundheit in ihren Praxen vorstellig werden. 

Zahlreiche Studien und Umfragen kommen ferner zu dem Ergebnis, dass die Corona-Krise – Krankheit, Lockdown und Isolation – weltweit zu einem rasanten Anstieg von psychischen Krankheiten geführt hat, darunter Depressionen, Suchterkrankungen, allgemeine Angststörungen – und eben auch die spezielle Krankheitsangst.

Die weltweite Datenlage zum Auftreten von Hypochondrie zeigt eine riesige Bandbreite, sie schwankt zwischen unter einem und 20 Prozent – je nachdem, ob die Umfragen in der Allgemeinbevölkerung oder unter Patienten mit psychischen Vorerkrankungen durchgeführt werden. Eine internationale Studie der Harvard University kommt 2019 zu dem Ergebnis, dass bis zu 13 Prozent der Menschen unter „klinisch signifikanter Krankheitsangst“ leiden. 

Krank ohne Diagnose

In Deutschland sind etwa ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Hinzu komme eine größere Gruppe von Menschen, „die an subklinischen Ängsten“, also an milderen oder nicht diagnostizierten Varianten leiden, sagt Timo Slotta, psychologischer Psychotherapeut an der Spezialambulanz für Krankheitsangst der Universitätsklinik zu Köln. „Und die Grauzone ist groß.“

Generell gilt: „Betroffene sorgen sich extrem um ihre Gesundheit und fürchten, schwer körperlich erkrankt zu sein“, sagt Craig Sawtchuk, Psychologe an der Mayo-Klinik in Rochester, Minnesota. Dabei gebe es entweder keine medizinische Diagnose, oder die Menschen litten unter einer Krankheit, deren Verlauf in der Regel weniger dramatisch sei als die Angst davor.

„Krankheitsangst kann jeden treffen“, sagt Sawtchuk weiter. Sie unterscheide weder nach Geschlecht, Alter, sozioökonomischem Status oder ethnischer Zugehörigkeit. Dass sie bei Frauen häufiger diagnostiziert werde als bei Männern, liege daran, dass Frauen sich meist leichter täten, Hilfe bei einem Therapeuten zu suchen. Die Ursachen für das Auftreten von Krankheitsangst sind in der Forschung noch immer nicht geklärt. 

Grundsätzlich gilt: Es gibt eine genetische Disposition für Angststörungen. Wer bereits an einer allgemeinen Angststörung leidet, hat ein höheres Risiko, irgendwann auch mit Krankheitsangst konfrontiert zu werden. Häufig ist Krankheitsangst mit einer Zwangsstörung, im Fachjargon: OCD, Obsessive Compulsive Disorder, gekoppelt.

Bei Menschen, die unter Krankheitsangst leiden, bestimme die Furcht vor der schweren Erkrankung Gedanken und Verhalten, erklärt Sawtchuk. Dabei fokussierten sich die Betroffenen stets auf das schlimmstmögliche Szenario, den potenziell katastrophalen Ausgang: Ein Husten wird zum Vorboten von Lungenkrebs, ein erhöhter Puls kündigt den Herzinfarkt an, ein Kopfschmerz den Hirntumor. Einige Betroffene entwickeln spezifische Ängste, etwa vor Krebs, Keimen oder vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei anderen sind die Ängste breiter gestreut. 

Die exzessiven Krankheitssorgen triggerten wiederum reale Angstsymptome, ergänzt Slotta, wie Schwitzen, Kurzatmigkeit oder Missempfindungen in den Extremitäten. Allesamt Zeichen dafür, dass das vegetative Nervensystem aktiviert sei. Doch die Betroffenen interpretierten das anders, sagt der Psychotherapeut. „Für sie ist das Kribbeln in den Beinen dann beispielsweise ein Zeichen für eine nicht diagnostizierte Multiple Sklerose.“

Die ständige Angst vor der Krankheit führt zu bestimmten Verhaltensmustern. Dazu gehört das sogenannte Bodychecking – wenn Menschen ihren Körper ständig beobachten und auf bestimmte Symptome hin untersuchen, vom Abtasten der Lymphknoten bis zum Messen von Puls, Blutdruck oder Temperatur. Oder die Recherche im Internet, die Konsultation von „Dr. Google“ sowie der Austausch in einschlägigen Onlineforen. Alles Verhaltensweisen, die die Ängste eher befeuerten als beschwichtigten, sagt Josh Spitalnick, niedergelassener Psychologe in Atlanta. Das Phänomen ist auch als „Cyberchondrie“ bekannt.

Zu den typischen Verhaltensmustern bei Krankheitsangst gehört auch das Suchen von Rückversicherung. So thematisieren Betroffene im privaten Kreis, bei Familie und Freunden, immer wieder und detailliert ihre Symptome, in der Hoffnung auf Beruhigung. Oder sie suchen regelmäßig die Notaufnahme, den Hausarzt oder Fachärzte auf, fordern stets neue Laboruntersuchungen und Screenings. Weigert sich ein Arzt irgendwann, wechseln sie zum nächsten. 

Selbst wenn die Untersuchungen keine Auffälligkeiten zeigten, bringe das den Betroffenen allenfalls kurzfristige Entlastung, sagt Spitalnick – „und dann beginnt eine neue Runde im Kreislauf der Krankheitsangst“.

Herzrasen und Panik

Elana Alvarez hat viele Runden durchlitten, war regelmäßig in der Notaufnahme, bis sie eine Therapie bei Spitalnick begann. Ihre Ängste begannen als Kind, ungewöhnlich früh. Ihre Eltern hatten ein Medizinbuch, erinnert sie sich, mit drastischen Beschreibungen und Bildern von Krankheiten. „Und ich war überzeugt: Ich hatte sie alle.“ Die Eltern ließen das Buch verschwinden, aber die Krankheitsangst blieb. Als junge Frau bekam sie regelmäßig Panikattacken im Auto. Ihr Herz holperte, ihr wurde schwindelig. Sie befürchtete, zu kollabieren.

In den meisten Fällen sind es Hausärzte oder Ärzte in den Notaufnahmen, die den Betroffenen raten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei Alvarez war es anders. Als sie nicht mehr Auto fahren wollte und das Haus kaum noch verließ, konsultierte sie einen Therapeuten.

LaKeisha Reid, Ende 20, ebenfalls aus Atlanta, litt bereits als Jugendliche an einer Angst- und Zwangsstörung. Seit zwei Jahren befindet auch sie sich bei Spitalnick in psychotherapeutischer Behandlung. Aus Scham darüber möchte sie anonym bleiben. Während ihrer College-Zeit war sie besessen von der Furcht vor sexuell übertragbaren Krankheiten. „Bei jedem Ausschlag geriet ich in Panik“, sagt sie. Immer wieder suchte Reid die Campusklinik auf, immer waren die Tests negativ. Schließlich riet ihr eine Mitarbeiterin: „Du brauchst keinen Arzt, sondern einen Psychologen.“

Alvarez und Reid besuchen auch eine Selbsthilfegruppe, die Spitalnick leitet. „Im Kern ist die Krankheitsangst die Angst vor der Ungewissheit“, sagt der Psychologe – und die Unfähigkeit, damit umzugehen. Behandelt werden Krankheitsangst und Zwangsstörungen in der Regel mit kognitiver Verhaltenstherapie. Bisweilen kommen auch Medikamente zum Einsatz, insbesondere Antidepressiva.

Zentrales Element der Behandlung ist die sogenannte Expositionstherapie, bei der sich Menschen in einem sicheren Umfeld ihren Ängsten stellen. Sie erlernen eine Reihe von Methoden, um sich gegen ihre Ängste zu wappnen und mit der Unsicherheit zu leben. Ziel der Therapie ist es, ritualisiertes Verhalten wie Rückversicherung bei Ärzten oder Recherche im Internet zu durchbrechen und durch andere, produktivere Aktivitäten zu ersetzen – Sport, Meditation oder Unternehmungen mit Familie und Freunden. Ritualprävention lautet der Fachbegriff dafür.

Grenzen verschieben sich

Für die Betroffenen erfordere es „sehr viel Mut, überhaupt anzuerkennen, dass ihre Symptome auch in einem psychischen Problem begründet liegen könnten“, sagt Psychotherapeut Slotta. „Sie gehen damit ja auch ein Risiko ein, etwas zu übersehen.“ Zum Wesen der Krankheitsangst gehöre, dass die Grenzen zwischen normaler Vorsicht und klinisch bedenklichem Verhalten oft fließend seien, sagt Spitalnick – und sich bisweilen auch verschöben, und zwar entlang gesellschaftlicher und medizinischer Paradigmen. Die Pandemie habe das gezeigt. 

„Heute sind sehr viel mehr Menschen hyperfokussiert auf ihren Körper“, sagt Spitalnick. „Sie beobachten genau, wie er reagiert und sich anfühlt.“ Es werde Jahre dauern, bis sich diese Verhaltensmuster wieder abbauen würden, sagt Spitalnick. „Und dabei stellt sich immer wieder die schwierige Frage: Was ist noch normal und was schon pathologisch?

Beides ist relativ. Hätte jemand vor einigen Jahren die AHA-Hygiene-Regeln strikt angewendet, „dann wäre bei dieser Person wohl Krankheitsangst diagnostiziert worden“, sagt Spitalnick. „Heute gilt das nicht nur als allgemein akzeptiertes, sondern sogar als vorbildliches Verhalten.“ Die Schwelle zum Klinischen sei indes klar überschritten, wenn „die Angst das alltägliche Leben lähmt und die sozialen Beziehungen sprengt“, fügt er hinzu.

Spitalnicks Patienten, die bereits vor der Pandemie unter Krankheitsangst litten, haben unterschiedlich auf die Corona-Krise reagiert. Für Alvarez bedeutete Covid, von ihren tiefsten Ängsten eingeholt zu werden. Bei Reid triggerte Corona vor allem alte Krankheitsängste. Mit dem Lockdown begann sie, täglich ihren Körper zu untersuchen. Sie verspürte plötzlich „überall Symptome, an meinen Zähnen, in meinen Brüsten, in meiner Gebärmutter“, sagt sie. 

Das wurde so schlimm, dass der Arzt ihr ein Antidepressivum verschrieb. Mittlerweile fühlen sich Alvarez und Reid stabiler. Es gebe noch immer schlechte Tage, sagt Alvarez, aber dank der Therapie habe sie gelernt, sich schneller wieder aufzuraffen und in ihr normales Leben zurückzufinden.

„Nur weil jemand sich jetzt öfter die Hände wäscht oder Desinfektionsmittel benutzt, ist er nicht gleich krank“, sagt Alvarez. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht normale Verhaltensweisen pathologisieren.“ Für Betroffene sei das „enorm herablassend und verletzend“. Klinische Krankheitsangst, sagt sie, sei nämlich etwas ganz anderes. „Diese Angst ist extrem beschämend und verstörend – und sie macht einen zutiefst einsam.“

© WELT / Katja Ridderbusch